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Denken statt Talkshow

Reflexionen zur Pandemie

Denken statt Talkshow

Schutzhandschuhe für Ärzte konkret Einladungsplakat

Polittbüro 20.02.22 – 19.00 Uhr | Steindamm 45, Hamburg | Kartentelefon: 040 – 280 55 467

Es referieren, ergänzen einander und streiten solidarisch:
Matthias Martin Becker, Nadja Rakowitz, Thomas Ebermann, Verena Kreilinger, Wolfgang Hien

Es moderieren:
Katharina Liebsch, Professorin für Soziologie an der Helmut Schmidt-Universität Hamburg, Peter Bremme, Gewerkschaftssekretär

Die Referentinnen und Referenten haben sich in Büchern, Interviews und Stellungnahmen positioniert. Titel, Quellen und kurze Einblicke in ihre Gedanken findet man bei www.polittbuero.de unter dem Datum 20. Februar.

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Heute, am Tag, an dem wir diese Ankündigung formulieren (9. Dezember 2021), werden erstmals wieder über 500 Corona-Tote, überwiegend Ungeimpfte, bekannt gegeben und ergänzend gemeldet, dass die erschreckende Zahl der Infizierten noch höher ist, aber die mit der Registrierung befaßten Institutionen wegen Überlastung ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Man muss keinen Hang zur apokalyptischen Prophezeihung haben, um ängstlich auf die Zeit bis zur Veranstaltung zu blicken.

Erledigt scheint die Zeit, als Politiker und eine bestimmte Sorte Experten sich damit schmückten, Deutschland sei doch vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen; als in den Wahlprogrammen diese nur noch in Vergangenheitsform behandelt wurde; als 'Normalität' als in Sichtweite galt und so mancher auch den freedom-day schon terminierte.

Manch Versäumnis, manche Unverantwortlichkeit – von der Schließung der Impfzentren bis zum kostenpflichtigen Testen – wird in den Talkshows thematisiert, aber immer nur als Vorspiel zur Pointe, dass es nichts bringe, über vergossene Milch zu reden, dass nach vorne geschaut und ohne parteipolitischen Zwist die nationale Kraftanstrengung gemeistert werden müsse. (Das Wörtchen 'nationale' verweist auf die Tatsache, dass der Impfstoffmangel in den Armutsregionen uns, die wir genug eigene Sorgen haben, nun wirklich gleichgültig sei.)

In Deutschland ist, seit die Kapazitäten der Intensivmedizin zum entscheidenden Kriterium gemacht und so die Inzidenz abgewertet wurde, das Sterben in geordneten Bahnen zum Maßstab erfolgreichen Staatshandelns erklärt. Die Botschaft lautet, wir haben zu lernen, mit der Pandemie zu leben. Hiergegen hat sich aller humanistischer, linker Widerspruch zu richten; gegen die Ideologie des Kollateralschadens, der nun einmal der Preis unserer Freiheit und unserer Art zu leben sei.

In einer von Klassen strukturierten Gesellschaft trifft die Pandemie nicht alle gleich, aber das Bewußtsein und die Bedürfnisse auch der unteren Schichten kann derart mit den Notwendigkeiten des marktwirtschaftlichen Getriebes – "den Laden am Laufen halten" – übereinstimmen, dass Kritiker an ihrer Wirkohnmächtigkeit verzweifeln könnten...Oder? Das ist zu diskutieren.

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Der Abend wird veranstaltet von:

ver.di Fachbereich Besondere Dienstleistungen, Hamburg

GEW, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Landesverband Hamburg

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MATTHIAS MARTIN BECKER (Wissenschaftsjournalist, Autor von 'Klima, Chaos, Kapital') hat Rob Wallace übersetzt und das Vorwort zur deutschen Ausgabe verfasst. Die Pandemie sei weder 'höhere Gewalt' noch Schicksal, sie ist nicht unerwartbar über die Menschheit hereingebrochen, nicht Naturkatastrophe wie etwa ein Vulkanausbruch. "COVID 19 ist Katastrophe mit Ansage", absehbares Resultat der Entwicklung kapitalistischer Landwirtschaft und ihres Vordringens in zuvor 'unberührte Natur'. Wer das Wort 'Ursachen' in den Mund nimmt, könne diesen Sachverhalt, der in allen Talkshows beschwiegen wird, nicht umgehen. Die Pandemie ist Facette einer ökologischen Krise, die die Lebensmöglichkeiten der Menschheit untergräbt. Forscher wie Rob Wallace oder Mike Davis sind Aussenseiter. Die oft von Linken in guter Absicht postulierte Berufungsinstanz – 'wir sind auf der Seite der Wissenschaft' – funktioniert nicht.

NADJA RAKOWITZ (Medizinsoziologin, Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte, Autorin von 'Applaus ist nicht genug') widerspricht vehement der Behauptung, Deutschland habe ein gutes Gesundheitssystem, das es nur noch besser zu machen gelte. Sie kennt sich aus mit den akademisch hoch dekorierten Stichwortgebern der Querdenker, den Propagandisten der 'Great Barrington Declaration' für Herdenimmunität und den Verkündern von 'mehr Eigenverantwortung statt Verbotskultur'. Also mit Virologen wie Streeck, Stöhr sowie dem Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung, Andreas Gassen und seinem Anhang in den medizinischen Fachgesellschaften. Diese nähmen "hohe Todeszahlen billigend in Kauf".

THOMAS EBERMANN (Autor des Buchs 'Störung im Betriebsablauf') analysiert die staatliche Bewirtschaftung des Menschenmaterials als eine Gleichzeitigkeit von Schutz vor dem Tod und Einforderung von Opferbereitschaft. Ohne die notwendige Parteinahme im täglichen Handgemenge zu bagatellisieren, ohne die Folgen unterschiedlicher Staatspolitiken in der Welt klein zu reden, verficht er, dass der Kern angemessener Kritik darin besteht, dem Staat sein Funktionieren als Gewährleister der Kapitalakkumulation und nicht sein 'Versagen' anzukreiden. Er ist komplett feindlich gegenüber der erstrebten Normalität, die fortwährend mit Freiheit verwechselt wird. Sie, der die Barbarei innewohnt, formt die Subjekte zur Rücksichtslosigkeit und schafft ein System falscher Bedürfnisse. Indem die Art des Produzierens in die Menschen einwandert, werden sie häßlich. So sehr er die mörderischen Querdenker hasst und bekämpft, so unsicher ist er zugleich, ob von ihnen oder der herrschenden, 'instrumentellen' Vernunft die größere Gefahr in der Pandemie ausgeht.

VERENA KREILINGER (Medienwissenschaftlerin) ist Co-Autorin des Buches 'Corona, Krise, Kapital', das im Sommer 2020 den ersten Überblick über Vorgeschichte, Ausbruch, weltweite Verläufe und staatliche Reaktionen auf die Pandemie zu bilanzieren versuchte. Sie wendet sich gegen jede Verharmlosung und entwickelt Forderungen, durch deren Verwirklichung die Krise nicht auf die unteren Schichten abgewälzt, sondern solidarisch zu meistern sei. Dabei gelangt sie, über die Aktualität der Pandemie – Bekämpfung hinaus, zu einem Umbauprogramm, das Züge einer angestrebten ökosozialistischen Ordnung aufzeigt. Als Mitautorin der Zero-Covid-Initiative vertrat sie sowohl Anfang 2021 als auch aktuell eine "sofortige Schließung aller gesellschaftlich nicht dringend notwendigen Bereiche der Wirtschaft – unter vollständiger Lohnfortzahlung". Der Aufruf erhielt viel Zustimmung, konnte jedoch die erhoffte gesellschaftliche Bewegung für diese Forderung nicht initiieren.

WOLFGANG HIEN (Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler, ehemaliger Referatsleiter für Gesundheitsschutz beim DGB) untersucht in seiner großen Studie "Die Arbeit des Körpers", welche Tortouren den Lohnabhängigen historisch und heute aufgebürdet wurden und werden. So konsequent er sich praktisch und als Theoretiker für Arbeitsschutz einsetzt, so klar bestimmt er zugleich die Grenzen dieser Anstrengungen im Rahmen des Bestehenden, das eine wirkliche 'Humanisierung der Arbeit' ausschließt: "Es wurde immer so viel Schutz durchgesetzt, wie es den herrschenden ökonomischen und politischen Eliten bevölkerungspolitisch opportun war." So parteiisch Hien auf der Seite der Lohnabhängigen ficht, so wenig beschweigt er ihre im historischen Prozeß anerzogene Verhärtung; ihre Selbststilisierung zum Allesaushalter; ihre Denunziation von Vorsicht und Angst als Makel von Weicheiern. Diese Mentalität spielt in der Pandemie eine bedrohliche Rolle, im vollen Fußballstadion oder bei anderer Gelegenheit 'die Sau rauslassend'.